Fetter Sound für kleine Räume: 4 Overdrive-Pedale für zu Hause

Als ich sechzehn war, bestand meine Zimmereinrichtung weitestgehend aus einem Marshall 6100 Half-Stack und einem eingetauschten Schlagzeug. Der Teppich dazwischen war ein Minenfeld aus Stompboxen und Fallstricken aus Patchkabeln. Heute bin ich doppelt so alt und habe halb so viel Equipment. Zeit aufzustocken.

Die größte Herausforderung für einen ehemaligen Teenage-Rocker, der irgendwann zum Dauer-Wohnungsmusiker mutiert ist, besteht darin, ein Equipment zusammenzustellen, das die Essenz des Setups von damals wiedergibt und gleichzeitig in die Gegenwart passt. Mit dem richtigen Overdrive/Distortion-Fußpedal, können 10 Watt in einem kleinen Raum einen Megasound erzeugen, ohne dass man Ärger mit lärmempfindlichen Nachbarn oder Mitbewohnern befürchten muss. Ich habe aus einer schier endlosen Masse an Möglichkeiten vier erstklassige Optionen ausgewählt, die sich auch für den Einsatz in Mietwohnungen eignen.

Catalinbread Dirty Little Secret MKIII

Das Dirty Little Secret ist die ideale Lösung für die Erzeugung eines Marshall-ähnlichen klassischen Drives oder modernen akustischen Crunchs mittels eines Verstärkers, der so klein ist, dass es beinahe schon peinlich ist. Das Pedal kitzelt aus einem kleinen Kasten einen satten Sound heraus und lässt deinen kleinen Proberaum gleich viel größer erscheinen. Kombinationen von Drei-Band EQ, PreAmp Gain und Master Volume ermöglichen durchaus Feeling und Ton der Drive-Strukturen eines Marshall. Der etwas unzugänglich im Inneren des Pedalgehäuses versteckte Schalter zum Wechseln von „Super Lead“- zu „Super Bass“-Modi bietet sogar noch mehr Raum für Experimente.

In jedem Modus ein glatter Sound bei geringer Verzerrung. Von da ab entwickelt der Dirty Little Secret’s eine beeindruckende Stabilität. Trotz der komplexen Overdrive-Profile behält jeder Ton, jede Note und jede Saite seinen bzw. ihren ganz eigenen Charakter. Nichts von dem, was auf der anderen Seite des Pedals herauskommt, geht verloren, was ein echtes Plus ist, wenn es um Volumen geht. Aber Vorsicht: der Master Volume-Regler fährt die Lautstärke schnell ziemlich hoch, und der Versuchung, auf eine gefühlte Elf zu drehen, kann man nur schwer widerstehen. Mach das also lieber dann, wenn die Nachbarn nicht da sind.

Ideal für: alle mit einer Schwäche für den Hardrock-Sound von Marshall Röhren-Overdrives, die sich (so wie ich selbst) heute noch ohrfeigen könnten dafür, dass sie dieses Equipment irgendwann mal vertickt haben.


JHS Superbolt V2

Zu den absoluten Favoriten der inzwischen sehr vielfältigen und innovativen Pedale aus dem JHS Shop gehört das Superbolt V2. Diese täuschend schlichte Stompbox wurde inspiriert vom kurzlebigen, aber inzwischen wieder sehr gefragten Röhren-Gain-Sound von Supro-Verstärkern der 1960er Jahre-Ära.

Die Bandbreite von Gain- und Ton-Kombinationen reicht von leicht warm bis zu schlaffem Overdrive mit einer charakteristischen fuzzigen Note. Da der Gain-Regler sich verhält wie die zunehmende Distortion, die vom steigenden Volumen der Vintage-Supro-Amps erzeugt wird, kann das Pedal die gleiche Overdrive-Range liefern, wobei die Lautstärke über einen separaten Knopf regelbar ist. Das röhrenverstärkerartige Verhalten ist beim Zurückfahren des Gitarrenvolumens am deutlichsten: da bekommt auch der schärfste Steg-Tonabnehmer einen dezenten Glow. Neben diesen Funktionen gibt es noch einen Schalter für tiefen bis hohen Gain, was für ordentlich Bums sorgt und den mittleren Grit boostet. Das lässt sich über den externen Fußschalter JHS Red Remote regeln, der ein Zwei-Kanal-Feeling erzeugt.

Für kleine Räume und Verstärker ist das Superbolt V2-Pedal auf jeden Fall in jeder Hinsicht top. Es kann einen Raum ausfüllen, ohne zu laut zu werden, und die breite Sound-Range verliert auch bei einer auf zwei Watt gedrosselten Zehn-Watt-Box nicht an Tiefe und Körper.

Ideal für: Musiker, die finden, dass neuere Stompbox-Modelle Varianten des gleichen alten Distortion-Sounds bieten. Dieses von Supro inspirierte Pedal ist gleichzeitig neu aufgelegter Klassiker und Pionier in punkto innovativer klanglicher Möglichkeiten.


Electro-Harmonix EHXTortion JFET Overdrive

Das Parade-Pedal der etablierten Electro-Harmonix Distortion/Overdrive-Sammlung, das EHXTortion ist eine perfekte Stompbox, wenn man sich ein neues Board zusammenstellt. Seine Vielfalt springt sofort ins Auge mit einem Drei-Band EQ und nicht weniger als vier Pregain-Modi, von tiefen Vintage-Tones bis zum modernen Bass-Forward-Crunch. Die Pregain-Modi ermöglichen eine Riesenbandbreite an Overdrive-Variationen. Und jede einzelne davon lässt sich mit dem fast um 360 Grad drehbaren Gainregler noch zusätzlich feintunen.

Drückt man den Boost-Fußschalter befördert man das Pedal in ein komprimiertes Overdrive-Setting mit ganz eigenem unabhängigen Gain- und Master-Volume. Diese Funktion ist ideal für kleine Setups. Jetzt hat sich dein bescheidenes Rig in ein ganz ordentlich individualisierbares Zwei-Kanal-Teil verwandelt, wobei jeder Kanal für sich an deine persönlichen musikalischen Wünsche und dein Probeumfeld angepasst ist.

Und wenn du doch mal einen Auftritt hast, bietet der ausgewogene XLR Direct Out mit 4x12-Boxen-Simulation auch hierfür ausreichend Spielraum. Das EHXTortion ähnelt im Verhalten und Sound über das gesamte Klangspektrum und auf jedem Volume-Level einem Röhrenverstärker. Wird diese Sound-Range mit dem vielseitigen Control-Layout kombiniert, ist das Pedal ein echter Gewinn für dein wachsendes Floorboard.

Ideal für: Alle, die Distortion jeder Couleur erzeugen möchten – Blues, klassischen Rock, Rock im Stil der 90er und Metal –, ohne mehrere Pedale kaufen zu müssen und ohne Abstriche bei der Klangqualität wegen eines zu schwachen Verstärkers.


Fulltone OCD

Der OCD verfügt über eine engere, definiertere Distortion-Range, die vor allem diejenigen begeistert, die den Gain-Style eines hochwertigen Transistorverstärkers lieben. Darum sorgt das Pedal für konsistente Level guten bissigen Gains in fast jeder Reglerkonfiguration. Den Gain-Knopf und das Volumen der Gitarre zu drosseln ermöglicht einen Boost mit zusätzlichem Edge, ohne das saubere Klangprofil deines Verstärkers zu beeinträchtigen.

Die Bandbreite von sauberen bis hohen Gain-Tones wird erweitert durch einen Schalter für zwei Distortion-Ebenen: aggressiver „High Peak (HP)“ und subtiler „Low Peak (LP)“. Die spürbare Zunahme beim Volumen, wenn man den Schalter auf HP stellt, ist allerdings auf Dauer nicht optimal für kleine Räume. Während diese Zunahme genau richtig ist in der mittleren bis hohen Volume-Range, ist eher nicht damit zu rechnen, dass die Nachbarn nach dem dynamischen „Sprung“ bei den Low-Levels nach einem nächtlichen Solo von „Back in Black“ eine Zugabe verlangen.

Ideal für: Blues/Rock-Musiker auf der Suche nach einer einfachen Lösung für mehr Gain, die für sich allein oder in Kombination mit den integrierten Overdrive-Optionen eines Lieblingsverstärkers oder eines anderen Pedals funktioniert.


Auch wenn es im Einzelfall durchaus Spaß machen kann, zum Metronom deines genervten Nachbarn zu spielen, der mit dem Besenstil auf den Fußboden klopft, ist es langfristig sicher sinnvoll, einer fristlosen Kündigung zuvorzukommen, indem man sich ein Rig zusammenstellt, das auch für die eigenen vier Wände geeignet ist. Wichtiger Bestandteil dieser Strategie ist die Zuschaltung des richtigen Overdrive/Distortion-Pedals zwischen Gitarre und Verstärker. In einem kleinen Raum und mit einem schwachen Verstärker empfiehlt sich ein Pedal ohne Einbußen bei Klang, Gainstruktur und Soundvielfalt auch bei geringer Lautstärke.

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