Manche Effekte bewegen sich in der Zeit, andere im Raum — Rotary-Effekte setzen das Häkchen bei beidem. Der Vibe, das Wabern und Kreiseln von Rotationseffekten haben genreübergreifend Sounds inspiriert, von Country-Sets bis hin zur Bühne von Woodstock. Rotary-Effekte passen im Allgemeinen in die große Kategorie der Modulationseffekte, haben aber ihre eigene Geschichte und beziehen sich auf einige ikonische Effekte, die geklont und in einer Vielzahl von Formaten neu erfunden wurden.
Die fortlaufende Geschichte der Rotary-Effekte zu begreifen, bedeutet ein Gefühl für den riesigen Einfluss des Effekts zu bekommen.
Leslies epischer Orgeleffekt
Abgesehen von unseren Synthie-Hipster-Freunden denken erstmal nur wenige normale Menschen daran, eine Orgel an ihr Pedalboard anzuschließen. Dennoch war das Leslie-Kabinett für Organisten konzipiert, ähnlich wie der spätere Roland CE-2 Chorus, der eigentlich auf Keyboards ausgelegt war, aber unter Gitarristen sehr beliebt wurde. Erst später wurde der Leslie-Sound mit den sechs Saiten gepaart. Woher stammte also die Idee und wie funktionierte das Gerät? Darf ich vorstellen: Donald Leslie.
Donald Leslie saß in den 1930er Jahren vor seiner Heimorgel und dachte darüber nach, wie man einen Klang entwickeln könnte, der mit dem großem, glockigen Klang von Kathedralorgeln mithalten kann. Wenn das Problem der physische Raum war, sollte vielleicht die Optimierung der Luft die Lösung sein. Die physikalische Meisterleistung, auf die Leslie hinarbeitete, manifestierte sich in einem Effekt, der so groß war wie die Orgel selbst, liebevoll Leslie-Kabinett genannt.
Stellt euch eine Lautsprecherbox in der Größe eines Kühlschranks vor. Im Inneren befindet sich ein nach unten gerichteter Basslautsprecher in einer Trommel, oben ein sich drehender Satz Hörner, der die oberen Frequenzen ausgibt. Die Organistinnen und Organisten können dann das Tempo und den Puls dieser Klänge steuern, indem sie die Geschwindigkeit der Beschleunigung oder Verlangsamung ändern. Die Magie ensteht, wenn diese nicht synchronisiert sind und unerwartete, aber unvergessliche Klänge entstehen, die man nicht nur hört, sondern auch fühlt.
Das Leslie-Kabinett wurde allerdings nicht zum Selbstläufer. Hammond Organs, die führende Marke der Zeit, lehnte das Design ab. Ohne die Unterstützung eines Markenpartners ging Leslie solo und gründete Electro-Music. Im Jahr 1941 brachte das Unternehmen das Leslie Cabinet heraus, das zwar von einigen Organistinnen und Organisten angenommen wurde, aber in den kommenden Jahrzehnten bei Gitarristinnen und Gitarristen unerwartete Akzeptanz fand. Es erregte außerdem das Interesse eines potentiellen Käufers.
Fenders größter CBS-Ära-Effekt: Der Vibratone
Zeitsprung ins Jahr 1965. Mit der zunehmenden Bekanntheit des Leslie Cabinet und dem sich wandelnden Musikgeschäft wurde Electro-Music vom Mediengiganten CBS aufgekauft. Während CBS selber mit Electro-Music nicht viel anfangen konnte, wurde die Idee des Leslie-Kabinetts schließlich unter dem Namen einer anderen, von CBS übernommenen Firma in die Produktion gebracht: Fender.
Da man in der Gitarrenwelt schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt war, den Leslie-Speaker mit DIY-Mods für sechs Saiten brauchbar zu machen, brachte Fender sein eigenes massives, rotierendes Meisterwerk heraus: den Vibratone. Obwohl er vom Leslie inspiriert war, erreichte der Vibratone seinen rotierenden Klang aber auf etwas andere Art.
Das Design war im Wesentlichen eine überdimensionale Gitarrenbox, vor dem Lautsprecher befand sich jedoch eine mit Löchern versehene Styroporscheibe. Wenn sich die Scheibe drehte, entwich der Schall in Rotation aus den Löchern und bot einen warmen, hypnotisierenden Ton. Die berühmteste Anwendung des Kult gewordenen Effekts findet sich auf dem Titel "Cold Shot" von Stevie Ray Vaughan.
Vom Kabinett zum kompakten Pedal: Das Shin-ei Uni-Vibe
Im Laufe der Jahre haben auch andere Unternehmen ihre Auffassung von großformatigen Rotationslautsprecherboxen angeboten. Zu den bemerkenswerteren davon gehören der Maestro Rover R0-1 oder Yamaha RA-50 und RA-100. Aber seien wir ehrlich: Gehäuse-basierte Rotary-Speaker sind finanziell ein ganz schöner Brocken und nehmen eine Menge Platz weg. Wenn irgendein Effekt für ein kompaktes Pedal bestimmt war, dann dieser.
Der japanische Pedalhersteller Shin-ei erkannte dies in den 1960er Jahren und suchte nach einer schaltungstechnischen Lösung. Während die Magie eines Leslie in der bewegten Luft lag, entwickelte Shin-ei eine Schaltung, die Fotozellen (man denke an Licht und mit Feenstaub verschmolzene Drähte) verwendete, um einen organischen modulierenden Welleneffekt zu erzeugen. Das Ergebnis war das ikonische Uni-Vibe Pedal.
Das Uni-Vibe verkleinerte nicht nur den Formfaktor des Leslie, sondern erzeugte auch einen Modulationston, der eine eigene Typologie hervorbrachte. Während der ursprüngliche Effekt einen Schalter für den Wechsel zwischen Chorus und Vibrato hatte, war das Pedal tatsächlich keines von beiden. Diese falsche Beschriftung verhinderte jedoch nicht den Erfolg des Effekts. Die wohl bekanntesten Nutzer sind Jimi Hendrix auf "Machine Gun" oder David Gilmour auf "Breathe".
Moderne Pedale für Rotary-inspirierte Sounds
Da Shin-ei bewiesen hat, dass selbst der größte Effekt mit Füßen getreten werden kann, haben sowohl große Marken- als auch Boutique-Pedalhersteller im Laufe der Jahre auf das Erbe der Rotary-Klänge zurückgegriffen und es erweitert.

Auf der Leslie-esken Seite der Dinge brachte die Pedaltechnologie neue Wege zur Erfassung und Steuerung der variablen Geschwindigkeiten und Schwingungsimpulse der Lautsprecher.
Die Vent-Pedale von Neo Instruments, das Strymon Lex und das Electro Harmonix Lester ermöglichen beispielsweise fliegende Änderungen der ansteigenden oder abfallenden Geschwindigkeiten. Sie alle stellen auch das natürliche Verstärkungs- und Kompressionsprofil des Leslie-Vorverstärkers nach und verleihen ihren Pedalen so ein wenig Schmutz und Wärme.
Der Fender Vibratone schlummerte mit wenigen oder gar keinen Pedalversionen im Katalog des Unternehmens, bis vor kurzem das Fender Pinwheel auf den Markt kam. Diese Stompbox bietet einige ähnliche Funktionen wie andere auf dem Markt — Speed, Ramp, Drive — zeichnet sich aber durch die maßgeschneiderte Emulation von drei verschiedenen Rotary-Effekt-Voicings aus. Eine davon ist natürlich ein Modell des klassischen Vibratone. Nur ein rotierendes Styroporrad ist nicht enthalten.
Beim klassischen Shin-ei-Design resultierten die markanten Klänge des Originals sowohl in 1 zu 1 Pedal-Klonen als auch in abgefahrenen Neuschöpfungen. Der wohl berühmteste Klon, der zu einem eigenständigen Klassiker wurde, ist das Fulltone Deja-Vibe, das wie kein anderer das Mojo des Charakters des ursprünglichen Uni-Vibe festnagelt.
JHS Pedals entwickelten darüber hinaus das Design des LED-Impulsschaltkreises in ihrem Unicorn-Pedal weiter, indem sie mit einer Mischung aus Magie und Innovation Tap-Tempo-Funktionalität und Noten-Unterteilungen hinzufügten, um den Vibe-Effekt in dieses Jahrhundert zu bringen.
Effekt-Nerds werden sich gegenseitig für das Verwechseln von Rotary-Lautsprechereffekten und Vibe-Pedalen die Kompetenz absprechen, aber jetzt wisst ihr es zum Glück besser. Wie bei jeder Debatte über Effekte gibt es eine große Hintergrundgeschichte. Im Falle der Rotary Cabinets ist diese Geschichte wahrscheinlich größer, als bei jedem anderen Effekt.