Das Gefühl, wenn ein gewaltiger Powerchord oder eine singend sustainendes Solo-Bending eine wahrhaftige Welle an Distortion über einem zusammenbrechen lässt, ist einer der reinsten Genüsse des Rockgitarrenspiels. Allein der Gedanke lässt einen schon fast die strahlenden harmonischen Obertöne das Trommelfell massieren hören.
Die Sache ist allerdings, dass es schwieriger als gedacht sein kann, diese Distortionflut im Bandkontext zu platzieren. Viele Gitarristen haben Probleme, ihren perfekt cremigen Zerrsound von zuhause hörbar im Mix unterzubringen, sobald es ins Studio oder auf die Bühne geht.
Wenn alle Instrumente zusammenspielen — hämmernde Drums, scheppernde Becken, dröhnender Bass, eine zweite Gitarre oder Keyboards die alles wegblasen und der Gesang, der gegen alle anschreit — kann der sorgfältigst ausgetüftelte Gitarrensound, der für sich alleine absolut massiv klingt, schnell schon mal matschig, verschmiert, blass und fast unhörbar werden.
Es gibt eine einfache Lösung, mit der der Sound im Handumdrehen größer wird, die aber ein leichtes Umdenken erfordert: Runter mit der Zerre.
Vermeidet Überkomprimierung durch Gain
Obwohl ein stark verzerrter High Gain-Sound alleine im Raum gigantisch klingen kann, gehen seine klanglichen Qualitäten verloren, wenn er mit anderen Instrumenten im gleichen Frequenzbereich kämpfen muss. Oft komprimieren stark verzerrt eingestellte Amps bei hartem Anschlag das Signal und drücken es in den Hintergrund.
Viele Gitarristen mit mehrkanäligen Verstärkern bermerken dieses Phänomen, wenn es ans Aufnehmen geht: sie stellen den mikrofonierten Amp auf einen knackigen, cleanen Rhythmussound und einen im Raum fett klingenden Leadsound ein und stellen dann mit erstaunen fest, dass die Level-LEDs des Pults oder der DAW beim Leadsound niedrigere Peaks aufweisen als beim Cleansound, obwohl es nach Gefühl im Raum genau umgekehrt sein müsste.
Wenn man diese beiden Ampeinstellungen allerdings im Bandkontext testet — am besten aus einer leicht entfernten Hörposition — stellt sich für die Ohren der gleiche Effekt wie auf der Levelanzeige ein: der cleane Sound setzt sich besser durch, als der stark verzerrte Leadsound.
Um den sahnigen Lead- oder crunchigen Rhythmussound mehr Breite und Durchschlagskraft zu verpassen, sollte man versuchen, den Preamp-Gainregler (der je nach Amp z.B. Gain, Drive, Overdrive, Lead oder auch nur Volume heißen kann) des Kanals runterzudrehen. Falls nötig kann verlorene Lautstärke der niedrigeren Gaineinstellung dann mit dem Master Volume ausgeglichen werden. Wer im EQ-Bereich eine menge Bass reingedreht hat, sollte versuchen auch den abzusenken. Die Gitarre muss dadurch nicht nur weniger gegen Bass und Kick ankämpfen, sondern gewinnt auch im mittlere Frequenzspektrum — Gitarren sind ein Mitteninstrument — an Autorität, relativ zur Gesamtlautstärke.
Diese kleinen Tweaks führen fast immer zu einem durchsetzungsfähigeren Gitarrensound, der dadurch im Mix größer klingt. Der Sound wird so meist auch dynamischer, die Gitarre und der Amp reagieren also besser auf starken oder leichten Anschlag, was eurem Gitarrenspiel mehr Ausdruck verleiht und sich so auch direkt auf eure Performance auswirken kann.
Das alles heißt natürlich nicht, dass Lead- und Crunchsounds komplett clean und frei von Verzerrung sein sollten. Für Soli mit singendem Sustain ist eine gewisse Menge Gain nötig, hält man es aber gering genug, dass der Sound tight, mit soliden Bässen und vor allem Mitten bleibt, wird sich das stark auf die Hörbarkeit auswirken.
Crunch-Klassiker zeigen wie es geht
Gute Beispiele dafür, wie diese Technik funktioniert und seit Jahrzehnten angewandt wird finden wir in vielen Rockklassikern. Wer genau hinhört wird feststellen, dass viele der fetten Sounds, die wir satt verzerrt in Erinnerung haben, in Wirklichkeit cleaner als erwartet sind.
Ich habe Alice Coopers "School's Out" und Ted Nugents "Cat Scratch Fever" von früher als gewaltig klingend in Erinnerung. Wenn ich heute neu reinhöre, bestätigt sich mir, dass die Gitarren eigentlich weit von High Gain entfernt sind und die Amps nur leicht in die Sättigung gehen. Led Zeppelins "Immigrant Song" — klare Sache. Wie alle Parts von Jimmy Page klingen die Riffs kolossal, sind aber nicht übermäßig verzerrt oder gesättigt.
Andere gute Beispiele sind "Back in Black" von AC/DC, Soundgarden mit "Fell on Black Days", "All Right Now" von Free (schon lange ein Aushängeschild für gigantischen Sound), oder sogar Metallicas "Enter Sandman". James Hetfield und Kirk Hammetts Gitarren sind zwar ordentlich verzerrt, die Bässe und unteren Mitten bleiben aber immer tight und kraftvoll, während die oberen Mitten und Höhen frei von Gezische und übermäßig diffuser Sättigung sind.
Für extremere Metal-Arten oder Shredding braucht man natürlich eine Menge Gain um "den Sound" zu erlangen, aber selbst hier kommt es darauf an, die Gitarre nicht zu fitzelig, verwaschen und verschleiert klingen zu lassen. Bringt euren Sound dazu, kraftvoll und solide herauszustechen, ob live oder im Studio, und ihr werdet nicht nur gehört werden sondern klingt dabei auch noch großartig.