Hereinspaziert: Deimel Guitarworks

In unserer Serie "Hereinspaziert" stellen wir regelmäßig die Räumlichkeiten von deutschen Studios, Werkstätten und Künstlern vor. Heute sind wir zu Gast bei Frank Deimel von Deimel Guitarworks, der mit seinen Offset-Designs für mächtig Furore sorgt.

Wie hast du angefangen, Gitarren zu bauen, Frank?

Mit 14 Jahren habe ich angefangen an Gitarren zu basteln. Meine Eltern hatten einen Werkraum im Haus und mein 3 Jahre älterer Bruder und ich waren schon früh mit Modellbau beschäftigt. Langsam zog es uns mehr und mehr in die Musikszene unserer Heimatstadt Hamm. Wir spielten in Bands, und mit 16 baute ich einfach drauf los. Ich besorgte mir Teile, Hölzer, Werkzeuge – ich wollte es einfach selber machen. In den Musikzeitschriften der 80er wurde viel über die Gitarrenbauer-Szene in Deutschland als auch in den USA berichtet. Ich habe diese Berichte quasi aufgesogen und fand alles unglaublich spannend. 

Hast du noch eine der ersten Gitarren, die du selbst gebaut hast?

Ja, in der Tat stehen noch alle ersten Versuche und Prototypen hier in der Werkstatt irgendwo. Bis auf meine allererste Gitarre. Die zerbrach relativ schnell, weil ich eine Spanplatte aus einer ausgemusterten Küchen-Arbeitsplatte für den Body nahm. 

Seit wann baust du hauptberuflich?

Ich habe seit 1994 nur noch Gitarrenbau gemacht: zuerst bei der Firma PAG in Berlin als Werkstattleiter, dann 1998 mit meiner eigenen Firma „Deimel Guitarworks“ in Berlin.  

Welche anderen Gitarrenbauer haben dich besonders inspiriert?

Es waren teils Personen, teils Firmen. Anfangs waren es die besagten Berichte im Fachblatt Musikmagazin über z. B. Hoyer Guitars, über Washburn und Hamer Guitars. Ich habe mir Original-Kataloge von Gibson bestellt, die auch ganze Werkstories hatten. Das habe ich alles genau studiert und ich wurde von diesen Bildern sehr inspiriert. Dann habe ich mir Bücher über Gitarrenbau besorgt und die Amerika Gedenkbibliothek in Berlin wöchentlich besucht. Da gibt es eine hervorragende Abteilung über Gitarrenbau. Seh prägend waren Leute wie Bob Benedetto oder Gary Levinson, das ganze Hamer Team. Letzen Endes natürlich auch ganz stark Leo Fender und Ted Mc Carty, der die wichtigste Ära von Gibson maßgeblich prägte. 

Welche Gitarren außer deinen eigenen besitzt du?

Ich habe irgendwann bei Ebay einfach auf den Sofort-Kaufen Button gedrückt und habe mir eine Gibson Les Paul Junior von 1959 aus Las Vegas kommen lassen. Diese Gitarre war es auch schon sehr früh, die mich besonders inspirierte, Gitarren bauen zu wollen. Ich fand zwar all die teureren Modelle klasse, aber die Schlichtheit, also dieses „Mauerblümchen-Dasein“ dieser Studentenmodelle hat mich von Anfang an fasziniert. Genauso verhält es sich auch mit den Fender Offset-Gitarren, von denen ich allerdings keine Vintage-Ausgabe besitze. Die Offset-Gitarren wurden von Alternative Rock Bands gespielt. In den 80ern waren dies einfach billige Pawnshop-Gitarren. Mein Bruder Peter kaufte damals in Chicago eine 67er Jaguar für 500$. Das waren Schnäppchen!

Dann habe ich noch eine alte Hamer Prototype und eine Gibson Les Paul Deluxe von 1978, an der ich meine ersten Lackversuche und Restaurierungskünste ausprobiert habe. Als ich sie erhielt, hatte sie ein großes X hinten rein gestemmt. Ein mittlerer Pickup war mit Gips gefüllt und der gesamte Korpus war mit schwarzem Autospray lackiert. Diese Gitarre soll mal dem Sänger der US Band „X“ gehört haben. Ein befreundeter Gitarrist holte sie aus den Staaten in unsere Heimatstadt. Später fand ich in einer Schublade des örtlichen Musikgeschäftes sogar noch die Mini-Humbucker wieder, die da mal eingebaut waren. 

Welche Custom-Gitarre war dein bisher aufregendster Job für einen Künstler?

Das bleibt bisher wohl die Gitarre für den verstorbenen Musiker Nikki Sudden. Er wollte eine 5-saitige „Treasure Island“-Gitarre, also eine echte Piratengitarre mit eingravierter Schatzkarte in silbernem Schlagbrett und einer Piratenfrau als Intarsie, die gerade die Gitarre „entert“. Die Gitarre bekam ein „Doublestain“ auf getigerter Ahorndecke, denn sie sollte genau so aussehen wie Nikki’s Brokat-Anzug. Der Stoff war eine gewebte Mischung aus glitzerndem grünem und violetten Garn. Als ich Nikki fragte, ob ich den Farbton gut getroffen hätte, meinte er: „Nice grey! Don’t you know that I am color blind?“ 

Ansonsten habe ich in den Anfangsjahren viele Sonderanfertigungen für die Berliner Musikszene gemacht, die alle großen Spaß gemacht haben. Diese Arbeit, meine Liebe zu Vintage-Gitarren, und die unendlich vielen Reparaturen in meinem Berliner Laden sind im Grunde genommen verantwortlich für mein heutiges Background-Wissen.

Welcher Teil des Bauens bereitet dir die größte Freude?

Am meisten Spaß macht mir immer noch das Schnitzen, „shapen“ , also das eigentliche Formen der Teile. Ich mag das skulpturale Arbeiten und die Oberflächen zu gestalten. Deswegen kommt als zweites das Lackieren, die Farbgebung und das End-Finish. Spannend wird es nochmal bei der Montage, wo der Moment gekommen ist, die ersten Saiten aufzuziehen. Das ist immer noch so aufregend wie beim ersten Mal. Erstaunlich, aber wahr! 

Worauf könntest du gut und gerne verzichten?

Das ist das mühsame Bünde polieren! Leider bin zu perfektionistisch veranlagt. Also mühe ich mich dadurch. Ich beginne mit 400er Körnung, und schleife sie bis 12000 Micromesh. Bei 22 Bünden ist  das sehr ermüdend. Ich mache mir dann Musik an und schalte ab. Irgendwann ist es dann soweit und alles glänzt. Ich könnte auch alles abkleben und mit der Metallpolierpaste arbeiten, aber das Risiko, Lack am Griffbrettrand mit hochzuziehen, ist mir zu hoch. 

Was auch richtig nervt, ist die Tatsache, das einfach generell beim Instrumentenbau nichts passieren darf. Jeder Schritt bedarf höchster Konzentration. Eine tolle Zen-Übung, aber auch sehr belastend. Wenn am Ende ein Schraubenzieher auf die Gitarre fällt, ist alle Arbeit umsonst. Darauf könnte ich wohl am meisten verzichten – diese permanente, hochkonzentrierte Anspannung bei der Arbeit. Aber es gibt auch lockerere Jobs. Z. B. das beherzte Schleifen eines Armshapes an der Bandschleifmaschine. Das ist doch was anderes.

Kommst du beim ganzen Bauen überhaupt noch zum Spielen?

Ja, ich spiele jeden Tag. Ich habe immer Gitarren um mich herum, die ich mal aus Lust oder zur Entspannung anzupfe. Das mache ich sehr gern! In letzter Zeit nehmen wir auch viele Videos auf. Da spiele ich einfach ein paar Licks und Riffs, die sich so über die Jahre in meinen Fingern etabliert haben. Aber ich spiele in keiner Band mehr, nur hin und wieder mit meinen Kindern, dann machen wir kakophonische Jamsessions :-) 

Woher stammen deine Hölzer?

Wir benutzen Hölzer aus vielen verschiedenen Quellen je nach Bedarf. Es gibt die einschlägig bekannten Tonholzhändler in Deutschland, aber wir schauen auch gerne lokal. Manche stark geriegelten Ahorn-Sorten bekommt man leider oft nur aus den USA. Die importieren wir dann. Seit einiger Zeit arbeiten wir gemeinsam mit der HNE Eberswalde an thermo-behandeltem Holz für die Nutzung in Musikinstrumenten. Hier geht es um heimische Laubhölzer, die durch die Wärmebehandlung Eigenschaften ähnlich denen von Tropenhölzern bekommen. Dies wollen wir in Zukunft noch verstärkter angehen z. B. mit Robinie für Griffbretter oder Pappel, Linde und Weide für Bodies. Bei der Behandlung kommen sehr leichte, resonant klingende Hölzer raus – ideal für den Gitarrenbau.

Und welche Hardware setzt du am liebsten ein?

Wir benutzen seit Jahren Mastery für Bridge und Vibrato. Wir waren an dem ersten Prototypen des MV Vibrato nicht ganz unbeteiligt und sind absolut begeistert von der Qualität der Mastery Produkte, auch im Bereich der Telebrücken. Ebenso gerne nehmen wir die Firma ABM in Berlin in Anspruch, die uns die Basis für unser Deimel Vibratone bauen.  Darüber hinaus verbauen wir für unsere Bässe die bewährten Hipshot Mechaniken und Brücken.

Wickelst du die meisten Pickups selber?

Mittlerweile baue ich 70 Prozent der Pickups selber. Immer mehr Kunden fragen danach. Das freut mich, und ich mache es wirklich sehr gerne, da ich so noch mehr Einfluss auf den finalen Klang der Gitarre nehmen kann. 

Sind deine Farben alle selbst angemischte Eigenkompositionen oder bedienst du dich da bei bekannten Auto-Lacken?

Anfangs habe ich versucht, die klassischen Töne der Vintage-Gitarren zu imitieren. Ich habe Rezepte gesucht und danach mischen lassen. Das wurde aber unbefriedigend, denn die Mischanlagen der verschiedenen Lackhersteller arbeiten alle mit unterschiedlichen Grundtönen. Es kamen immer nur ungefähre Ergebnisse bei raus. Ebenso trägt die vergilbte Nitro-Lackschicht über die Jahrzehnte zu einer Veränderung des Originaltons bei. Das erschwert eine Referenz ebenso. Umso spannender fand ich es deswegen, die „Historic Library Charts“ von z. B. Dupont als Inspiration zu nehmen und eigene Töne zu mischen. So habe ich angefangen eine Deimel-Farbpalette zu erstellen, die wir als Rezept bei unseren Lieferanten hinterlegt haben. Immer, wenn ich eine neue Deimel-Farbe mische, mache ich eine Musterkarte für den Lieferanten. Dieser liest diese ein und kann die Farbe exakt reproduzieren.

Wie bist du auf das LesLee gekommen und wie funktioniert es?

Die Idee kommt von meinem Freund Pascal Stoffels, den ich zu Beginn der 90er in Berlin kennengelernt habe. Er experimentierte mit einem kleinen Elektromotor, der quasi eine Drehscheibe hatte, die wie eine Platine gebaut war. Er sagte mal, dass es die wilden Jahre unmittelbar nach Mauerfall waren, die eine sehr kreative Szene in Berlin Mitte hat entstehen lassen. Anfangs träumte er von einem 3-Pickup-LesLee, also z. B. für eine Strat. Wenn jeder Pickup einmal geschaltet wird, ist man im 4/4 Takt, wenn es rund läuft :-). Wir haben dann über die Jahre gemeinsam diverse Versuche unternommen, das elektronisch zu realisieren. Die ersten Varianten haben wir schon Mitte bis Ende der 90er verbaut. Die Schaltung ersetzt den Pickup-Wahlschalter, so als ob man einen Toggle permanent hin und her bewegt – ein automatisierter Schalter sozusagen. Später dann haben wir den typischen Schaltknacks, der beim Umschalten von Tonabnehmern normal ist, durch eine oszillierende Schaltung ersetzt. Das ist jetzt auch die Version, die wir aktuell als Mono- sowie als Stereo-Version anbieten.

Wie viele Gitarren haben Kora und du bereits gemeinsam gestaltet?

Es sind bisher 5 Artist Editions entstanden. Wir arbeiten inzwischen auch an allen komplexeren Designs eng zusammen. Kora hat einen großen digitalen Katalog von Schlagbrett-Formen, Pickups und Hardware, so das wir relativ schnell eine erste Ansicht von Sonderwünschen realisieren können. Für unser diesjähriges 20-jähriges Jubiläum haben wir eine limitierte Sonderauflage der Artist Edition in Vorbereitung, die schon alle ausverkauft sind. Das hat uns sehr gefreut. 

Sind neue Designs in Planung?

Ja! Wir arbeiten aktuell an der Konzeption einer modulartigen Deimel Firestar Ellipse mit klar abgesteckten Features ohne jegliches Customizing. Diese soll dadurch attraktiver für das schmalere Portemonnaie werden und junge Bands ansprechen. Das Modell wird voraussichtlich Anfang 2019 zum ersten Mal angeboten.  Sehr vielversprechend ist auch die Resonanz auf eine neues Offset-Thinline Modell, welches auf unserem älteren, etwas traditionelleren Offset-Design beruht.  Des weiteren ist die sechste Artist Edition in Vorbereitung und wir sind in der Weiterentwicklung der Deimel Firestar Bässe. Es ist also viel zu tun und es bleibt spannend!

Hier geht's zum Deimel Guitarworks Shop auf Reverb


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