Die Geburt der Gibson SG

Wenn ihr auf traditionelle Single-Cut Les Pauls steht, solltet ihr jetzt noch schnell zugreifen, bevor sie aus den Läden verschwinden. Klingt unwahrscheinlich? Genau so war die Lage aber vor 60 Jahren, als Gibson die Les Pauls im Originalstil durch das brandneue und radikale SG-Design ersetzte.

Heutzutage scheint es undenkbar: Wo wäre Gibson ohne die in den 50er Jahren geborene Les Paul? Vermutlich auf der Strecke geblieben, in irgendeiner Versenkung verschwunden. Damals, 1960, sahen sich die Firmenchefs jedoch mit sinkenden Verkaufszahlen der originalen Les Pauls konfrontiert, nachdem die meisten Modelle im Jahr zuvor ihren Höhepunkt erreicht hatten.

Gibson hatte damit begonnen, bei E-Gitarren doppelte Cutaways vorzuziehen, wie bei der ES-335 und 355 und den speziellen Doppelhalsmodellen, die alle im Laufe des Jahres 1958 eingeführt wurden. Außerdem überdachte die Firma ihren Endorsement-Vertrag mit Les Paul. Gibson-Chef Ted McCarty erzählte mir, dass man 1959 damit begann, Les Pauls Namen von den Gitarren zu entfernen, weil Gibson der Meinung war, dass die Verbindung kommerziell weniger wertvoll geworden war.

Les Paul war die perfekte Wahl gewesen, als Gibson 1952 nach einem geeigneten Endorser suchte, um die neue, mit Fender konkurrierende Solidbody-Gitarre zu bewerben. Aber jetzt war seine Popularität als Künstler gesunken — er hatte seit '55 keine Hits mehr. Gibson fand, dass ein Wechsel überfällig war.

Bevor wir jetzt tiefer in die Geschichte der Einführung des SG-Designs gehen, sollten wir einige Unklarheiten beseitigen, die sich aus der Tatsache ergeben, dass Gibson trotz der großen Veränderung den Namen "Les Paul" für die ersten paar Jahre der neuen SG-Modelle beibehielt. Die Gibson-Nerds unter uns werden wissen, dass ab Ende 1963 alle Gibson SGs auch wirklich als Gibson SGs liefen. Sie werden auch wissen, dass dies auf drei größere Veränderungen folgte. Diese sich überschneidenden Änderungen sind es, die für Verwirrung sorgen.

Also, aufgepasst: Zuerst kam der Wechsel der preisgünstigen Les Paul-Modelle vom ursprünglichen Single-Cut zu einem abgerundeten Double-Cut-Stil (aber nicht die SG-Form). Die Les Paul Junior und Les Paul TV machten '58 den Anfang, die SG Special kam '59 dazu.

Als zweites kam die schrittweise Umbenennung der Modelle von "Les Paul" in "SG". Die Double-Cut Les Paul TV und Les Paul Special wurden 1959 in SG TV und SG Special umbenannt. Die SG-förmigen Les Paul Junior, Les Paul Standard und Les Paul Custom wurden Ende 1963 in SG Junior, SG Standard und SG Custom umbenannt.

So, fast geschafft. Der dritte Schritt war die Umstellung aller Les Paul-Modelle auf die neue SG-Form — die Les Paul Standard Ende 1960, ein Jahr später dann die Les Paul Custom, Les Paul Junior, SG TV und SG Special.

Seht ihr, was ich meine? Es überrascht nicht, dass das ganze meist vereinfacht dargestellt wird. Wir bezeichnen eine Gitarre in Les-Paul-Form als Les Paul und eine Gitarre in SG-Form als SG. Eine Gitarre in SG-Form, die irgendwo den Namen Les Paul trägt — also eine von denen, die zwischen Ende 1960 und Ende 1963 hergestellt wurden — wird oft als SG/Les Paul (oder Les Paul/SG) bezeichnet. Bitte fühlt euch jetzt nicht schlecht, wenn ihr das hier mehrfach lesen müsst, um diese wirklich verworrene Namensgebung zu durchblicken.

Der neue Modellname war dann aber glücklicherweise recht einfach: "SG" stand schlicht und ergreifend für Solid Guitar. Gibson saugte für die SG viele der neuen Trends auf, die in der Fabrik in Kalamazoo herumschwirrten, darunter dünnere Double-Cutaway-Korpusse mit vollem Zugang zu den höchsten Bünden, neue Lackierungen, neue Tonabnehmer (namentlich Humbucker) und schlankere Hälse, zusammen mit bewährten Features und Eigenschaften von etablierten Instrumenten.

Im Mittelpunkt des neuen SG-Designs stand der markante Korpus, ein modernistischer Aufbruch, der eher an die Arbeit eines Bildhauers als an die eines Gitarrenbauers erinnert. Das Amalgam aus Schrägen, Spitzen und Winkeln wurde aus einem massiven Stück Mahagoni gefertigt, das die Arbeiter der Firma in eine schlanke, hübsche Form brachten, mit einem großen Cutaway auf der oberen Hälfte und einem etwas kleineren gegenüber. Sie war anders als alles, was zuvor an Gitarren produziert wurde, selbst wenn der Schatten von Fender auf einigen der Ideen lag.

Werbung für die Les Paul/SG Standard von 1962.

Die Hörner der Cutaways waren zu anmutigen Spitzen geformt, und die auf etwa 22 Grad abgeschrägten Kanten entlang der oberen Hälfte, vorne und hinten, innerhalb der beiden Cutaways, und entlang des vorderen Teils der unteren Hälfte, vorne und hinten, zeichneten mehr oder weniger die Kontur des Schlagbretts nach. Die Abschrägungen ließen den Korpus noch dünner erscheinen, als er eh schon war, und bildeten ein sofort erkennbares, praktisch nützliches und einfach attraktives Merkmal des SG-Designs.

Die offizielle Ankündigung der ersten beiden neuen Gitarren — vorerst noch Les Paul Standard und Les Paul Custom genannt — erfolgte in den ersten Monaten des Jahres 1961, obwohl die neue Standard bereits Ende 1960 vom Band lief.

Gibson schrieb die Händler an, um die "völlig neu gestalteten" Modelle anzukündigen. "Hier ist ein bewährter Favorit", hieß es in der Ankündigung der Standard, "jetzt im völlig neuen Gewand... dünner, leichter und konturiert. Ein wundervoll gestalteter massiver Korpus, perfekt ausbalanciert für das Spielen im Stehen."

Die Kopfplatte der neuen Standard trug den Schriftzug "Les Paul" sowie ein Gibson-Logo und darunter ein distelähnliches Ornament. Der Korpus und der Hals wurden in der gleichen kirschroten Farbe lackiert, die Gibson bereits 1959 für die Double-Cut Les Paul Junior und Special und ein Jahr zuvor für die Rückseite der Les Paul Standard verwendet hatte.

Die Unzulänglichkeiten des separaten Vibrato-Saitenhalters — Gibson taufte ihn Vibrola, wir kennen ihn auch als Sideways Vibrato— wurden bald offensichtlich, vor allem, dass er die Saiten oft nicht auf die richtige Tonhöhe zurückbrachte. Der klappbare Arm war ein nützliches Feature — wechselten spielten eine Weile damit herum, brachten den Arm dann aber aus dem Weg und ließen das Vibrato ab dann unangetastet.

Bei der neuen Custom war Gibsons Stolz ähnlich offensichtlich: "Musiker schwärmen von dem extra schlanken Hals mit den tiefen, glatten Bünden, der eine wahre Freude ist — die Saitenlage ist so leicht spielbar, dass manche ihn auch als 'Fretless Wonder' bezeichnen." Die Custom behielt ihre Oberschicht-Qualitäten, mit einer neuen weißen Lackierung (einschließlich des Halses), vergoldeten Metallarbeiten (einschließlich des Arms und der Abdeckung des Sideways-Vibratos) und drei Humbuckern.

Werbung von 1961 für die Les Paul/SG Custom, mit Les und Mary.

Das Schlagbrett der Custom passte zu ihrer weißen Lackierung, und zwischen Hals-Pickup und Hals befand sich (zunächst) die Aufschrift "Les Paul Custom". Gibson fügte die gewohnten Merkmale eines High-End-Modells hinzu: ein Split-Diamond-Inlay an der Kopfplatte, ein Ebenholz-Griffbrett mit Block-Pearloid-Markierungen und Grover Rotomatic-Mechaniken mit Metallknöpfen.

Die Bedienelemente der Custom hatten das gleiche Layout wie die Standard, waren aber durch die drei Pickups notwendigerweise anders verdrahtet. Der Drei-Wege-Wahlschalter bot den Hals-Pickup allein (links), Steg- und Mittel-Pickup zusammen (Mitte) oder Steg-Pickup allein (rechts). Die beiden Regler, die einem beim Spielen am nächsten lagen, waren für den Hals-Pickup: Lautstärke auf der linken und Tone auf der rechten Seite; die beiden Regler darunter waren für den Steg- oder Steg-Mittel-Pickup, je nach Wahlschalterstellung, wiederum mit Lautstärke auf der linken und Tone auf der rechten Seite. Wie bei einigen anderen Gitarren mit drei Tonabnehmern, die ein Zwei-Pickup-Bedienungslayout adaptierten, war dies ein Kompromiss — wenn man es jedoch beherrschte, bot das Custom-System einiges an schönen Sounds.

Drei weitere Modelle im neuen SG-Design, die Les Paul Junior, SG TV und SG Special, wurden später im Jahr '61 angekündigt. Sie waren in der Liste der SGs weiter unten angesiedelt, mit einem (Junior, TV) oder zwei (Special) P-90 Singlecoils. Zunächst waren alle drei serienmäßig mit Gibsons Wrapover-Steg/Saitenhalter ausgestattet, aber es gab die Option auf einen separaten Sechssattel-Steg und einen Vibrato-Saitenhalter — Gibsons einfaches Maestro Vibrola, mit einem abgerundeten rechteckigen Rahmen, einer gebogenen Saitenhalterung und, normalerweise, einem Logo.

Auf der NAMM-Show im Juli '61 hatte Gibson eine ganze Reihe neuer Solidbody-Gitarren im SG-Design zu präsentieren: die Les Paul Junior, Standard und Custom sowie die SG TV und Special. Als Folge des neuen Designs verließen einige Gitarren das Gibson-Line-Up: die Single-Cutaway-Les Pauls im Originaldesign — die Sunburst Standard und die schwarze Custom— sowie die Les Paul Junior mit abgerundetem Doppel-Cutaway in Cherry, die Junior 3⁄4 und die SG TV mit abgerundetem Doppel-Cutaway im "Limed"-Finish, die SG Special in Cherry oder Cream und die SG Special 3⁄4 in Cherry.

Eine Preisliste vom Ende des Jahres 1964 zeigte vier Modelle der SG-Linie: die weiße SG TV und die cherry SG Jr. für jeweils 165 $, die cherry oder weiße SG Special für 240 $, die kirschrote SG Standard für 330 $ und die weiße SG Custom für 480 $.

Von 1964 bis einschließlich 1967 gab es in der Gibson-Linie keine Gitarren mit dem Namen Les Paul, weder auf den Gitarren selbst, noch in der Firmenliteratur. Die Les Paul-Modelle im Originalstil mussten erst auf ihre Wiederentdeckung in den 60er Jahren warten, bevor Gibson sie wieder ins Programm nahm. Die neuen SG-Modelle, in verschiedenen Anpassungen und Variationen, erwiesen sich derweil als ein weiteres beliebtes und langjähriges Solidbody-Gitarrendesign von Gibson.

Die Liste der berühmten SG-Benutzer reicht von Angus bis Zappa, und viele, viele mehr — nicht zuletzt Derek Trucks. "Die SG ist ein unverwechselbares Instrument", sagt er. "Für mich gibt es Ähnlichkeiten zur Slide-Gitarre, in der Weise wie sie nicht für jeden geeignet ist und nicht zu jeden Händen passt. Es ist ein spezialisiertes Instrument. Aber wenn es zu deinem Mindframe passt, hat es etwas Perfektes an sich."


Über den Autor: Tony Bacon schreibt über Musikinstrumente, Musiker*innen und Musik. Er ist Mitbegründer von Backbeat UK und Jawbone Press. Zu seinen Büchern gehören The SG Guitar Book, Fuzz & Feedback, und Legendary Guitars: An Illustrated Guide. Tony lebt in Bristol, England. Mehr Infos unter tonybacon.co.uk.

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